Ein langer Weg: Zwischen Selbstfindung und der Faszination des Gehens | Camino Portugues

Es sind nur Schritte. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Kilometerweit. Ohne tatsächliches Ziel. Meist in der Natur, alternativ überall – ohne Fahrrad, ohne Bus, Bahn oder Auto. Der Moment, wenn nichts anderes Bedeutung hat als das Gefühl frei zu sein und diese Freiheit in all ihrer Form auf diese Weise zu genießen und das immer in dem Augenblick, wenn ich mich entscheide ausschließlich meinen Füßen zu vertrauen. Ein wunderbares Gefühl. Ein Gefühl von absoluter Freiheit, den eigenen Weg zu gehen – natürlich am liebsten in der Natur 🙂


Ich könnte jetzt anfangen von Beweggründen zu sprechen, die mich dazu bewogen haben vor Jahren und nach langer Zeit das Gehen wieder für mich entdeckt zu haben, von Scherben, Schmerz und einem wenig bis nicht vorhandenen Selbstwert hier und da, Selbstzweifeln, gepflastert mit dem Wunsch alles perfekt hinzubekommen und damit (fast) ausschließlich zu scheitern.
All das ist vergangen, vergeben und verziehen (auch mir selbst) – irrelevant und nicht weiter von Bedeutung. Zumindest hat es für mich den Anschein. Es liegt hinter mir und seither bin ich so viele Schritte gegangen, kilometerweit, ohne Verkehrsmittel (Freunde und Familie ausgenommen), oft allein und doch ab und an (und vielleicht ein Mal zu oft) mit dem Blick zurück in die Vergangenheit.

Vor ca. vier Jahren, im Frühjahr 2015, hatte ich das erste Mal den Gedanken den Camino zu laufen, die letzten 200 km eines Jakobsweges von Portugal nach Spanien. Damals war ich damit beschäftigt einige sperrige und scharfe Scherben zusammen zu fegen (neben Hausarbeiten in den Semesterferien) und mich nicht im Schmerz zu ersticken, der mich in allen Grundfesten bis ins Mark zu lähmen scheinte. Es reichte! Genug mit dem ganzen (Herzschmerz)Scheiß und nach vorne schauen! Im kommenden Sommer hatte ich den Camino halb vergessen, denn es gab ein neues Ziel: Raus aus dem Wohnheim und rein in die eigene Wohnung, rechtzeitig zum Beginn der Bachelorarbeit. Bis ich nach dem Sommer 2015 wieder an den Camino dachte, vergingen knapp zwei Jahre. Bis ich die Flüge dafür endlich gebucht hatte vergingen wieder gut anderthalb Jahre.

Nun ist es Frühjahr 2019. Vier teilweise harte, lehrreiche und sehr inspirierende Jahre nach dem ersten Gedanken an diesen Weg sind vergangen, aber die Flüge sind gebucht. Start ist Porto (Portugal), das Ziel Santiago de Compostela (Spanien). 215 km oder mehr liegen vor mir. Ein langer Weg voller Möglichkeiten, Eindrücke und Erlebnisse, die ich im Moment nur erahnen kann. Ein langer Weg, der mit Begegnungen der Vergangenheit, welche nicht zuletzt durch Schmerz, (Zukunfts)Ängste und Depressionen (bei denen ich erst danach wusste, das es welche waren) geprägt war, gefüllt sein könnte. Ein langer Weg, der mir zeigen könnte, dass ich heute nicht der Mensch wäre, der ich bin, wenn ich das alles nicht erlebt und überstanden hätte und der daraus mit einer größeren Stärke und mehr Selbstbewusstsein hervor gegangen ist als mancher Mensch vielleicht sein Leben lang nicht. Mal wieder ein Vielleicht, mal wieder ein Gedanke, der mich durchfährt wie eine glühender Blitz, der sich langsam den Weg durch meinen gesamten Körper bahnt, wenn ich zurück und gleichzeitig ins Jetzt und nach vorne blicke.

Ein langer Weg.

2 Kommentare zu „Ein langer Weg: Zwischen Selbstfindung und der Faszination des Gehens | Camino Portugues

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s